Mitte September 2007:

Der Winzer des biblischen Merav gab sein Herz hin für die perfekte Ernte seiner Reben. Zur Lese ließ er die tief purpurn leuchtenden Trauben nur von Jungfrauen berühren und sanft wie das Zerbrechlichste auf Erden in die ausgebreiteten Leinentücher zur Sonnentrocknung legen. Er hätte die Trauben dem Kellermeister von Gilboa verkaufen müssen, denn er war nur Pächter und hatte kein anderes Einkommen als die Ernte. Aber trotz aller Schulden, trotz aller Sorgen die jedem sonstigen Bürger gekommen wären, trug er jeden Abend drei, vier riesige Körbe auf dem Rücken nach Hause, bis er alle sonnengetrockneten Trauben in zwei Bottichen im Halbschatten des Gartens hinter seiner Hütte eingemaischt hatte. Er presste die Trauben in seinen eigenen Händen und sprach unüberhörbar Gebete dabei. Gebete nicht für den Wein, aber für den Gott, der der Herr aller Perfektion ist. Unter Luftverschluss im Kühlen kelterte er den zart ausgepressten Saft. Er beruhigte die Sorgen seiner Frau, dass er statt der Trauben genauso auch den gekelterten Saft an den Kellermeister von Gilboa verkaufen könne. Doch als der Herbst längst die Reben entlaubte und die Gläubiger an der Küchentür pochten, füllte er die Kelter in Tonkrüge, die er mit Wachs versiegelte und in der Erde unter der Küche vergrub. Es war ein Vertrag zwischen ihm und Gott um die Perfektion, nicht zwischen ihm und dem Kellermeister um die profanen Schulden. Als aus Gilboa schließlich die Häscher des auf seinen Hefen fett gewordenen Besitzers hinaufkamen und fluchend das Garten- wie Haustor aus der Angel schlugen, war der Winzer verschwunden. Niemand wusste von den Krügen unter der Küche. Sie mussten altern, nicht durch Kehlen und Silberkassen fließen im ersten, zweiten, dritten, vierten Jahr. Die beiden jungfräulichen Töchter wussten von nichts, die Gattin ebenso wenig. Sie wurden als Pfand dem Tempel übergeben. Niemand hat je von dem Wein getrunken, den Winzer wieder gesehen, die Tränen der Töchter getrocknet.

Wenigsten lehren uns die Klimakatastrophen wieder etwas mehr Ehrfurcht vor den Kräften, die wir nie beherrschten, sondern nur hin und wieder zu unserem Nutzen gebrauchten. Vor allem aber zwingen sie uns bei der täglichen Arbeit auf dem Lande, endlich wieder selber nachzudenken, zu beobachten, untereinander zu diskutieren und den Mut zu eigenen, ungewohnten Entscheidungen zu finden.

Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Wallis hat es hier noch nie in einem Sommer soviel Niederschläge gegeben wie in den vergangenen zwei Monaten. Die Rebe aber verabscheut das leichte Leben, sie ist glücklich nur, wo sie sich ihr Wasser und ihre Nährstoffe von weit her erkämpfen kann. In von Wasser aufgeweichten und von Düngemitteln entarteten Böden wird ihr Saft lasch und kraftlos. Reben sind Marathonläufer, und wer sie dopt oder zu täglicher Büroarbeit zwingt, schwächt ihr Herz, den Stopfwechsel und die Lust am Dasein.

Nackte Weinbergböden, wie es die Ästhetik der Reinlichkeit und weißen Weste jahrzehntelang in Angst vor der üblen Nachrede der Nachbarn erforderte, führen spätestens bei Regenfällen wie denen des diesjährigen Sommers zu Erosion, moosigen Böden, wässrig aufgeblähten Trauben und unabwendbaren Schimmelpilzattacken (Botrytis). Die Begrünung der Rebböden hingegen strukturiert den Boden, macht ihn luftiger und geschmeidiger. Das Regenwasser versickert gleichmäßiger und weicht die Erde nicht auf. Die Gräser, Blumen, Grünpflanzen sprießen und verbrauchen überflüssiges Wasser. Sie halten das Bodenklima im Gleichgewicht und verhindern die übermäßige Ausbreitung von Schimmelpilzen.
Neben den Begrünungsstrategien lassen sich aber auch in der Pflege der Reben die negativen Einflüsse der übermäßigen Niederschläge eindämmen. Indem wir, wie im letzten Brief beschrieben, zunächst die Reifung der Trauben verzögerten, verschob sich die Veraison bis spät in den August, so dass die eigentliche Ausreifung und Volumenzunahme der Trauben etwas näher in die (hoffentlich) stabileren Schönwetterlagen des Frühherbstes rücken. Zudem haben wir die meisten Trauben halbiert oder gedrittelt (siehe Bild 1), um so Platz für die einzelnen Beeren zu schaffen, damit sie sich nicht gegenseitig zerdrücken und so Angriffsflächen für Schimmelpilze bilden. Auch haben wir die Traubenzone sehr großzügig entlaubt, so dass die Herbstsonne direkt die einzelnen Beeren erreicht, was dazu führt, dass der überflüssige Saft in den Trauben teilweise durch die Traubenhaut verdampft, wodurch die Trauben kleiner und der Nektar konzentrierter bleiben.

Wenn der Herbst nun so schön wird, wie wir es vom Herbst im Wallis noch immer gewöhnt sind, wird die Ernte allem Anschein nach viel interessanter als lange befürchtet. Der derzeitige Gesundheitszustand der Reben in Mythopia lässt jedenfalls auf das Beste hoffen. Die Rebschutzbehandlungen ohne Schwefel waren überaus erfolgreich. Es sind praktisch keine Spuren von Oidium zu finden. Der Peronosporapilz, der sich im biologischen Weinbau leider noch immer fast nur mit Kupferoxyden bekämpfen lässt, hat Anfang Juli zwar noch die obere Laubwand angegriffen, doch ist die Traubenzone weitestgehend verschon geblieben.

In den nächsten vier, fünf Wochen gibt es für den Winzer keine Aufgaben mehr im Weinberg. Das Blattwachstum ist fast vollständig zum Stillstand gekommen. Langsam verholzen nun die Ranken und die ganze Kraft der erwachsenen Rebe fließt in die Früchte, auf denen sich die Hefen der Windgötter zu Milliarden für die spätere Arbeit in den Gärfässern einfinden.

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Vegetationsstand 29.6.2007