



Ende August 2007:
„Gott macht nur das Wasser, doch der Mensch den Wein“, schrieb Victor Hugo zu Beginn des industriellen Zeitalters, als der Mensch so voller Stolz über die Errungenschaften seiner technischen Schöpferkraft war, dass er die Götter fast schon höhnisch aus dem Alltagsgeschäft verdrängte. Heute hingegen fegen in Griechenland Feuerstürme durch die ausgedorrten Göttertempel, denen der Himmel das Wasser verweigert. Und im Wallis ertrinken die Rebberge in unablässigem Regen, Regen, Regen. Als es in Olympia noch lebhaft zuging, spendete man den Göttern Wein, da der in den Amphoren herangereifte Wein so überwältigend, unbegreiflich, unbeschreiblich war, dass die Winzer meinten, nur durch das Zutun und die Anteilnahme der Götter hatte der Wein zu solch magischer Güte finden können. Schließlich wuchsen die Trauben von alleine und mussten nur geerntet und ausgepresste werden, damit die Hefen, von deren Existenz niemand wusste, den Rest der Arbeit übernehmen und aus abgefüllten Saft in den Krügen feinsten Wein gären.
Seit jedoch von der Ernte am Rebstock nichts bleibt, wenn die Pflanzen nicht wenigstens fünf bis acht mal pro Jahr mit aggressiven Mitteln gegen Pilze und Schädlinge gespritzt werden, glaubt der Winzer, dass es Wein nur dank des menschlichen Ingeniums der Chemie gibt. Je schöner die Fässer, Flaschen, Traktoren wurden und je mehr sich mit weißen Pulvern selbst aus verfaulten Ernten noch verkaufbare Weine machen lassen, desto besser kaschiert sich die Unkenntnis über das, was in der Rebe, was im Wein und was mit dem Wein im unserem Körper geschieht. Sich in seinen funkelnden Inoxfässern spiegelnd, empfindet der Oenologe nur noch Mitleid für die Götter, die sich zwar phantastische Geschichten ausdenken, aber vor einer elektronisch gesteuerten Abfüllanlage so ratlos wie ein Buschmann stünden. Aus den finsteren Weinkellern tief unten im Reich der Teufel, sind längst funkelnde, hygienische, klimatisierte Tempel geworden, deren Stahl und Glas das ästhetische Empfinden mehr als jeder noch so himmlische Wein beglücken.
In dieser heiteren Eintracht von Umsatzrenditen, Pestiziden
und Geschmacksverstärkern melden sich nun plötzlich die Götter
mit Dauerregen, Hagel, Kälte, Hitze, Stürmen zurück. Die Gewohnheiten,
in denen uns die sanften, regelmäßigen Jahreszeiten wiegten, sind
nicht mehr verlässlich. Was noch vor kurzem als der Weisheit letzter
Schluss galt, sorgt schon heute als Torheit des Leichtgläubigen für
fatale Schäden. Doch insofern die Natur ohnehin stets stärker als
wir Zauberlehrlinge ist, sind die Wege der Umkehr nie abgeschnitten, sie verlangen
nur Zeit und Geduld, Geist und Bescheidenheit.
Nackte Weinbergböden, wie es die Ästhetik der Reinlichkeit und
weißen Weste jahrzehntelang in Angst vor der üblen Nachrede der
Nachbarn erforderte, führen spätestens bei Regenfällen wie
denen des diesjährigen Sommers zu Erosion, moosigen Böden, wässrig
aufgeblähten Trauben und unabwendbaren Schimmelpilzattacken (Botrytis).
Die Begrünung der Rebböden hingegen strukturiert den Boden, macht
ihn luftiger und geschmeidiger. Das Regenwasser versickert gleichmäßiger
und weicht die Erde nicht auf. Die Gräser, Blumen, Grünpflanzen
sprießen und verbrauchen überflüssiges Wasser. Sie halten
das Bodenklima im Gleichgewicht und verhindern die übermäßige
Ausbreitung von Schimmelpilzen.
Neben den Begrünungsstrategien lassen sich aber auch in der Pflege
der Reben die negativen Einflüsse der übermäßigen Niederschläge
eindämmen. Indem wir, wie im letzten Brief beschrieben, zunächst
die Reifung der Trauben verzögerten, verschob sich die Veraison bis
spät in den August, so dass die eigentliche Ausreifung und Volumenzunahme
der Trauben etwas näher in die (hoffentlich) stabileren Schönwetterlagen
des Frühherbstes rücken. Zudem haben wir die meisten Trauben halbiert
oder gedrittelt (siehe Bild 1), um so Platz für die einzelnen Beeren
zu schaffen, damit sie sich nicht gegenseitig zerdrücken und so Angriffsflächen
für Schimmelpilze bilden. Auch haben wir die Traubenzone sehr großzügig
entlaubt, so dass die Herbstsonne direkt die einzelnen Beeren erreicht,
was dazu führt, dass der überflüssige Saft in den Trauben
teilweise durch die Traubenhaut verdampft, wodurch die Trauben kleiner und
der Nektar konzentrierter bleiben.
Wenn der Herbst nun so schön wird, wie wir es
vom Herbst im Wallis noch immer gewöhnt sind, wird die Ernte allem
Anschein nach viel interessanter als lange befürchtet. Der derzeitige
Gesundheitszustand der Reben in Mythopia lässt jedenfalls auf das Beste
hoffen. Die Rebschutzbehandlungen ohne Schwefel waren überaus erfolgreich.
Es sind praktisch keine Spuren von Oidium zu finden. Der Peronosporapilz,
der sich im biologischen Weinbau leider noch immer fast nur mit Kupferoxyden
bekämpfen lässt, hat Anfang Juli zwar noch die obere Laubwand
angegriffen, doch ist die Traubenzone weitestgehend verschon geblieben.
In den nächsten vier, fünf Wochen gibt es für den Winzer
keine Aufgaben mehr im Weinberg. Das Blattwachstum ist fast vollständig
zum Stillstand gekommen. Langsam verholzen nun die Ranken und die ganze
Kraft der erwachsenen Rebe fließt in die Früchte, auf denen sich
die Hefen der Windgötter zu Milliarden für die spätere Arbeit
in den Gärfässern einfinden.

