Ende Juni 2007:

Zwar beträgt der Vegetationsvorsprung im Vergleich zu durchschnittlichen Jahren nicht drei oder gar vier Wochen, aber trotz aller Verzögerungsmaßnahmen sind die Reben auch im Clos des Martyres etwa zwei Wochen dem Kalender voraus. Für südliche Weinsorten wie Syrah oder Mourvèdre mag dies ein Segen sein, aber ein guter Pinot Noir liebt vor allem die warmen, sonnenreichen Oktobertage, die in Verbindung mit kalten Nächten für den geschmacklichen Reichtum sorgen. Wenn die Trauben schon Mitte September ausgereift sind, so haben sie zwar genug eingelagerten Zucker, aber die herrlichen Mineralien unserer Böden und die feinen, in der Haut eingelagerten Polyphenole haben noch nicht die Harmonie für große Weine.

Um den Vegetationsvorsprung zu begrenzen, haben wir die Begrünung zwischen den Rebzeilen ungebremst wachsen lassen, wodurch der Boden sich weniger aufheizte und auch eine merkliche Wachstumskonkurrenz zu den Reben entstand. Zudem haben wir den Triebwachstum in den ersten Wochen kaum eingedämmt, dafür aber die älteren, besonders stark Energie produzierenden Blätter der Traubenzone frühzeitige entfernt. Dank dieser Maßnahmen und der relativ hohen Lage der Domaine können wir, wenn Hagel und Botyris uns verschonen, für die Pinot Ernte wenigstens auf Anfang Oktober rechnen.

Vorteil der schnellen Vegetationsentwicklung ist freilich die ruhigere Zeit, die uns so nun bereits Anfang Juli wieder vergönnt ist. Die Blattarbeiten sind beendet, die Triebe festgebunden und eingekürzt, die Traubenzone entlaubt, der Boden bearbeitet, der Pflanzenschutz bis auf die beiden letzten Abschlußspritzungen beendet. Bleibt, in zwei Wochen etwa, die Reglementierung der Ernte, bei der wir die Trauben je nach Wachstumskraft der Rebe halbieren oder gar auf ein Drittel einkürzen, so daß eine qualitativ hochwertige, gleichmäßige Ernte ohne Fäulnis möglich wird.

Dank des außergewöhnlich heißen, trockenen Aprils hat sich der Befallsdruck durch Mehltau bisher in Grenzen gehalten. Trotz der hohen Niederschläge im Mai und Juni zeigen sich die Reben in wunderbar gesundem, vigorösem Zustand. Klimatische Bedingungen wie in diesem Jahr hat es im Wallis noch nie gegeben, so daß sich auf die Ernte nur vage spekulieren läßt, aber alles deutet auf ein jedenfalls sehr interessantes Millesime 2007.

In diesem Jahr haben wir endlich einen Weg gefunden, ohne die biologisch zwar zugelassenen, für das Ökosystem aber relativ schädlichen Mehltaubehandlungen mit Netzschwefel auszukommen. Auf Basis wissenschaftlicher Versuche in Australien sowie den Erfahrungen der alten Generationen behandeln wir echten Mehltau nunmehr mit verdünnter Milchmolke. Durch die Umwandlung der Milchsäurebakterien unter UV-Licht werden die Oidium-Pilze, die den echten Mehltau verursachen, zerstört, ohne, wie im Fall des Schwefels, zugleich zahlreiche Nützlinge abzutöten, Insekten zu vergiften sowie die Gesundheit des Winzers zu gefährden. Bei bedecktem Wetter gebrauchen wir alternativ zur Molke eine Mischung aus Backpulver, Pflanzenöl und Kokosseife, was sich bisher ebenfalls als sehr erfolgreich gegen echten Mehltau erwiesen hat. Dank des Verzichts auf Schwefel können wir nun endlich auch unsere Bienenstöcke im Weinberg aufstellen, ohne die Bienen zu gefährden und den Honig ungenießbar werden zu lassen. Die Rückkehr der Bienen und Hummeln bedeutet einen wesentlichen Schritt zur Wiederherstellung eines ausgeglichenen Ökosystems im Weinberg, denn nur so werden die Blumen und Obstbäume bestäubt, durch die, man mag es glauben oder nicht, auch der Wein größere aromatische Fülle gewinnt.
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Vegetationsstand 29.6.2007