Mythopia Blog




16. Februar 2010

Weine aus Trauben und frischer Luft, sonst nichts: Naturweine

von Hans-Peter Schmidt Hans-Peter Schmidt

Was ein Winzer außer Trauben sonst noch seinem Wein beimischt, muss er mit seinem Gewissen vereinbaren. Wer aber behauptet, ein Wein könne nur dann auf dem Markt bestehen, wenn Reinzuchthefen, Farbstoffe, Tannine, Kaliumkarbonate, Gelatine, Zucker, arabischer Gummi, schweflige Säure und noch ein Dutzend weiterer Hilfsstoffe zugefügt wurden, der sollte sich mal das Vergnügen eines Natur belassenen Weines gönnen.

Welch ein Genuss, wenn ein Wein eine Geschichte erzählt, die sich nur durch den Wein und nicht durch Worte wiedergeben lässt. Wenn ein Wein endlich eine derart undurchdringliche Komplexität erreicht, dass selbst Experten nicht mehr das öde Klassifizieren von Himbeernoten, Reglise, Vanille, Honig über die Lippen bekommen. Wenn ein Wein wie ein Adagio cantabile sich in der Zeit entfaltet und erst im Nachklang ganz zu sich selbst gelangt.

Einen Wein muss man trinken. Nicht nur verkosten. Um sich eine wirkliche Meinung von einem Wein zu verschaffen, muss man eine Flasche verinnerlichen. Aber wer verträgt das schon bei einem Laborantenwein? Höchstens Alkoholiker. Nicht aber Genießer.

Ein Naturwein macht keine Kopfschmerzen und trübt in keinem Moment das Denken – solang man sich an sokratische Mengen hält.

Diese Wette würde ich übrigens mit jedem eingehen. Dass ein Naturwein weder Kopfschmerzen verursacht noch das Denken trübt. Und auch keine Alpträume durch den Schlaf fädelt, während die anderen Säufer des Banketts längst unter dem Tisch liegen.

Pinot Noir vom Clos des Martyres

Pinot Noir vom Clos des Martyres

Ein Naturwein lebt und lässt sich dem Leben einverleiben. Wer schweflige Säure einsetzt, um den Wein zu sterilisieren, misstraut sich selbst, dem Wein und aus reiner Ignoranz vor allem der Natur.

In einem Naturwein verteidigen mehrere Milliarden Mikroorganismen die Stabilität des Weines. Was für einen Château Lafleur 1950 oder einen Château Cheval Blanc 1906 ganz selbstverständlich gilt, ist bei modernen Weinen wegsterilisiert. Denn der Unterschied zwischen alten und neuen Weinen ist ja weniger das Alter als vielmehr, dass die alten Weine noch Natur belassen waren und die neuen eben nicht.

Ein Wein ist nur dann bekömmlich, wenn biologische Vielfalt seinen Reichtum krönt. Der Wein lebt, weil er Nährstoffe für unzählige lebende Zellen bietet, nicht weil er diese absterben lässt.

Sprach neulich ein Star unter den Sommeliers: Ich will doch nicht, dass mein Wein vor lauter Ungeziefer wimmelt. Wenn der Mensch wüsste, was für Ungeziefer in seinem Leibe wimmelt, würde er sich vor lauter Ekel mit Pestiziden abspritzen. Allein im Mund leben über 700 verschiedene Bakterienarten.

Paradies der Wildhefen

Paradies der Wildhefen

Naturwein spricht uns zu. Uns und unseren bakteriologischen Partnern, ohne die wir blasse Pinocchios wären. Schweflige Säure & Co hingegen sterilisieren nicht nur den Wein, sondern uns gleich mit.

Man könnte über die Sache natürlich auch rein technisch reden. Dass man gesundes Traubengut braucht. Dass man die Hefen des Weinbergs fördern muss und nicht mit Zuchthefen im Keller kontaminiert. Wie die Gärung eingeleitet wird durch Sonnenwärme am Lesetag oder Pied de Cuve. Dass man Sauerstoff, also frische Luft, im richtigen Moment einsetzt. Dass man nicht nach oben pumpt, sondern nach unten fließen lässt. Dass das Spiel der Jahreszeiten die scharfen Filter ersetzt.

Hier wird das Metier wieder zu einer Kunst. Die kleinen Geheimnisse, die die Natur so gut hütet, sorgen dafür, dass jeder Jahrgang seinen eigenen Charakter entfaltet.

Naturwein ist ein Genuss, durch den das Leben spürbar wird. Er verknüpft uns mit dem Leben, das viel weniger Ernst ist, als das Markting der formatierten Aromen glauben lässt.

Wenn im Wein tatsächlich die Wahrheit liegt, so liegt sie vor allem in ihm begraben. Der Wein, selbst der Messwein, ist längst ein Totengrab. Dass im Blut Jesu mehr als 70 Pestizide schwimmen, übersteigt die Phantasie der Gläubigen.

Im Wein liegt die Wahrheit. Natürlich. Wer die Reben draußen im Rebberg misshandelt, braucht im Keller all die fünf Dutzend Hilfsmittel zur Kaschierung der abgestandenen Wahrheit.

Die allseits gelobte Frucht der billigen wie teuren Marktweine ist die gleiche wie in Himbeersirup und Gummibärchen.

Naturweine haben Charakter. Charakter war im Sozialismus strafbar, und im Bürgertum geduldet, solang zumindest als es sich nur um Außenseiter handelte, die die sonstige Eintönigkeit ein bisschen erträglicher machen.

Naturweine verschaffen die gesunde bürgerliche Abwechslung, durch die man den Wert des täglichen Einerleis besser erträgt.

Nie wird die Welt danach verlangen, aufrichtige Weine zu trinken. Sie hätte viel zu viel Angst, auch sonst aufrichtig leben zu müssen. Im Wein liegt die Lüge, im Leben soundso.

Einen Naturwein zu keltern heißt ja nicht, anything goes. Es gehört Kunst dazu. Wissen, Gefühl. In der Natur liegt das Scheitern nahe. Das ist wie im Leben. Arme Ökonomie, die sich das nicht leisten kann.

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Verkostungen von Naturweinen bei der Weinrally30-naturwein

Und hier noch einige schöne Texte anderer Winzer und Weinliebhaber zum Thema Naturwein:

4 Kommentare »

  1. toller beitrag zur weinrally!

    Comment von sven ahlborn — 17. Februar 2010 @ 09:35

  2. Interessanter Beitrag, gegen Ende ja schon eine Aphorismensammlung im kleinen:-) – Naturwein ist eindeutig inspirierend!

    Comment von Iris — 17. Februar 2010 @ 13:23

  3. Nicht nur im Wein – auch in diesem Beitrag steckt viel Wahrhheit :-)
    Himbeersirup und Gummibärchen – Die Infantilisierung der Geschmacksnerven setzt sich leider auch bei den Weintrinkern fort, fehlt nur noch das Glutamat in der Flasche…

    Comment von Stefan — 17. Februar 2010 @ 13:42

  4. Ein leidenschaftliches Plädoyer für naturbelassenen Wein – und auch noch wunderschön zu lesen! Vielen Dank für deinen Beitrag, Hans-Peter!

    Comment von Matthias — 18. Februar 2010 @ 08:38

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