Mythopia Blog




29. März 2010

Traumwandeln durch Postkartenlandschaften

von Hans-Peter Schmidt Hans-Peter Schmidt

Die Arbeit für das Delinat-Institut bringt es mit sich, dass wir häufig auf Reisen sind. Da es zu unseren internen Regeln gehört, innerhalb Europas nicht zu fliegen und möglichst häufig auf das Auto zu verzichten, verbringen wir viel Zeit auf Zugfahrten. Was in der Schweiz nicht nur ökonomisch und zeitsparend ist, wird in anderen Ländern, vor allem wenn es in die hintersten Provinzen des Weinbaus geht, häufig zu selbst auferlegter Meditationsübung – eine willkommene Abwechslung zur sonstigen Alltagsraserei. In der Schweiz ist das Eisenbahnnetz zu perfekt, die Wege zu kurz, die Wartezeiten beim Umsteigen zu klein, um wirklich zur Ruhe zu kommen. Aber dafür sind die Landschaften, durch die man getragen wird, so unfassbar erhaben, dass Zugfahren in der Schweiz ist wie Traumwandeln durch Postkartenlandschaften ist.

Meine häufigste Reise führt vom Büro in Bern zu den Weinbergen ins Wallis. Wenn gutes Wetter ist, grüßt schon auf dem Weg zum Bahnhof das Morgenrot über Eiger, Jungfrau, Mönch. Dann schwebt der Zug am Thuner See entlang durch die Vorberge gen Oberland. Links und rechts liegen Kandersteg, Adelboden, Grindelwald, die Gipfel sind von Schnee gepudert, gewaltig hängen die Gletscher in den Nordwänden. Auf 700m Höhe rast der Zug in den Lötschbergtunnel, um in nur 15 Minuten die Alpenkette zu durchqueren. Bei der Tunnelausfahrt strahlt – selbst wenn die Berner Seite unter Wolken lag – fast immer der blaue Walliser Himmel, in den sich die 4000er des Mattertals strecken.

In Visp steige ich um, die Temperaturen sind südlich mild, die Frühjahrsvögel singen. Nun führt der Weg an den steilen Weinbergen entlang bis nach Sion, von wo es noch 10 Minuten bis hinauf nach Mythopia sind.

In den nächsten Tagen steht wieder viel auf dem Programm. Morgen kommen 40 m3 Kompost, der gemeinsam mit den Saaten zur Gründüngung in die neuen Parzellen eingearbeitet wird. Die Versuche mit mycorrhiziertem Saatgut werden angelegt. Wir werden an einem neuen Gerät zur Pflanzung von Reben mit ungeschnittenen Wurzeln bauen. Anfang nächster Woche soll unsere eigene Kompostieranlage in St. Leonard in Betrieb genommen werden. Und der Rebschnitt ist ja auch noch nicht ganz fertig.

Der Winzerberuf ist zweifellos der schönste Beruf, den sich ein Nichtwinzer vorstellen kann, und selbst der Winzer, wenn er nicht gerade beim Chiropraktiker ist, kommt oft genug zum Schwärmen.

1 Kommentar »

  1. Herr Schmidt, ich tausche an dieser Stelle unter Zeugen den meinigen Arbeitsweg (Rheinland/Ruhrpott, öffentliches Nahverkehrsnetz – im Spiel IC, ICE, S-Bahn und Regionalzüge, zur Spaßsteigerung gerne auch Anschlussmittel wie U-Bahn und Stadtbus) mit ihrem, weil Meditationsmöglichkeiten und spontane ZEN-Momente (gerne auch gekoppelt mit einem Kaffee im Pappbecher) kann man an unseren Bahnsteigen fast im Überfluss auskosten. Dazu Kryptik der BAHN, und wenn es länger dauert auch gerne mal sich seitlich aus den stehenden Zügen abseilende Schaffner.

    In diesem Sinne und in freudiger Erwartung:

    Lu – nur echt aus Düsseldorf.

    Comment von Lu — 30. März 2010 @ 08:22

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