Für Mythopia war das Jahr 2008 ereignisreicher und bewegter, als die Winzeridylle mit Blick zu den schneebedeckten Gipfeln oft meinen lässt. Im Februar brachten 3 riesige Laster 90 m3 Kompost an den Fuß der Weinberge, was, um es sich besser vorzustellen, in etwa dem Volumen einer mittleren Stadtwohnung entspricht. Mit dem Traktor wurde der Kompost sodann an die jeweiligen Parzellen gefahren und auf kleine Handraupen umgeladen, von wo er mit der Schaufel um jeden Rebstock gehäufelt wurde. Die Nachbarn, die aus einem einzigen Plastiksack mit konzentriertem Mineraldünger viele Quadratmeter Rebland versorgen, schüttelten die Köpfe und hatten auf ihre Weise natürlich Recht. Es braucht Stickstoff (N), damit die Blätter kräftig treiben, Phosphor (P) für den Aufbau des Holzes und Kalium für die Blüten- und Fruchtbildung, woraus sich die klassische Winzerrechnung ergibt: N+P+K + Herbizid = tote Erde + viele Trauben. Das rechnet sich für all jene Winzer, die ihre Trauben für feste Kilopreise an Großkellereien mit Aromenlabor verkaufen. Um allerdings solch chemisch misshandelten Böden nach einigen Jahrzehnten wieder Leben einzuhauchen, sind Gründüngung und Kompost unabdingbar, was in Steillagen wie in Mythopia wochenlange Handarbeit bedeutet.
Schon im ersten Jahr nach dem Komposteintrag und der Begrünung sieht man, wie die Böden sich erholen, die Regenwürmer sich vermehren, der Duft der Erde wieder den Eindruck von Leben erweckt, die Trauben wieder aromatische Tiefe bekommen. Die wichtigste Erfahrung allerdings war nicht der augenscheinliche Erfolg bei der Weinlese im Herbst, sondern die Ratlosigkeit im Frühjahr beim Anblick des ungeheuren Kompostbergs, der Schaufel für Schaufel abgetragen werden musste. Das so etwas zu schaffen ist, kann man sich kaum noch vorstellen in einer Epoche, wo Maschinen uns zu bloßen Arbeitsorganisatoren verkommen lassen und wir uns die Ziele vor Augen immer kürzer abstecken müssen, um von Pause zu Pause und von Email zu Email und von Mühe zu Gewinn denken zu können. Der moderne Mensch ist derart von seinem eingebildeten Zeitmangel verhext, dass er sich überhaupt nicht vorstellen kann, was er zu schaffen vermag, wenn er sich die Zeit dafür nimmt. Und eben das ist die für mich wertvollste Erkenntnis aus den Jahren, seit wir das Großstadtbüro geschlossen und die Tür nach Mythopia aufgestoßen haben: Die Zeit entrinnt nicht mehr, weil wir uns die Zeit nehmen müssen, das unglaublich Erscheinende Tag für Tag mit geduldigen Händen abzuarbeiten. Sei es das Ausbringen des Komposts, sei es der winterliche Rebschnitt Stock für Stock, 8000 Stöcke pro Hektar, 6 Schnitte pro Stock, sei es das Ausgeizen von 40 Zwischentrieben pro Stock oder das Spritzen mit Kräuteraufgüssen von 5 Uhr morgens bis zur Mittagshitze mit dem 35 kg Rucksack und laufendem Motor. Wenn man früh zeitig das Tageswerk beginnt, schaut man nicht zum Ende der Zeile, zum Ende der Parzelle, zum Ende des Weinbergs, sondern geht Schritt für Schritt bis die Handgriffe wie Atemzüge werden und man vergisst, warum.
Den Liebhabern unserer Weine preisen wir die romantischen Naturbilder, die Degustation an der langen Tafel im Vogelgezwitscher, die Reise in die Tiefe der Aromenvielfalt, den Pinot Noir – Terre Vagabonde 2007 (hier), der Sehnsüchte erweckt und erfüllt, die Gesundheit kräftigt, die Zeitlosigkeit für einige Momente heilt. Doch für uns selbst besteht der Genuss des Weines vor allem darin, dass er abends nach Sonnenuntergang die Träume zwischen zwei erfüllten Tagen zu entfalten beginnt.

In den Stunden der Wünsche für ein neues Jahr wollen wir natürlich niemanden verleiten, zum Winzer zu werden, Kariereaussichten an den Nagel zu hängen, den Theaterbesuch in der Großstadt gegen einen Termin beim Physiotherapeuten einzutauschen und den tausend Ideen, die sich am Schreibtisch so viel einfacher abhandeln lassen, auch noch zur Verwirklichung zu verhelfen. Winzer zu sein im schönsten Weinberg der Welt, hatte schon Gott nicht davon abhalten können, eine ganze Welt zu erschaffen, die nach und nach jedes Lebewesen kategorisiert, um sein Aussterben dokumentieren zu können. Mögen wir letzteres durch unser Engagement für Biodiversität, Terroirweine und Klimaneutralität ein wenig hinauszögern, damit auch an Sylvester 2109 unsere Urenkel noch wissen, was Bienen, Schmetterlinge, Eidechsen, Singvögel sind.
Ihre Romaine & Hans-Peter Schmidt





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