Rehe und Hirsche rennen schneller als Wölfe und sind insofern, obwohl völlig wehrlos im Zweikampf, auf größeren Waldlichtungen und Wiesen relativ sicher vor ihrem schärfsten natürlichen Feind. Seit dem Aussterben der Wölfe in den Alpen haben sich nun aber
auch Gämsen und Steinböcke, die nicht so schnell wie Rehe und Hirsche laufen können, dafür aber viel besser klettern, immer mehr in die tieferen Lagen mit saftigen Almwiesen begeben und dort den Rehen, Schafen, Ziegen die Nahrung streitig gemacht. Es fehlte ihnen, vom Menschen einmal abgesehen, der natürliche Feind. In trügerischer Sicherheit vermehrten sie sich rasant und verloren die Trittsicherheit in den Felsen. Als aber die Wölfe sich plötzlich wieder ansiedelten und ausbreiteten, waren die Gämsen und Steinböcke ihnen wehrlos ausgeliefert, denn in der wolflosen, also gefahrlosen Zeit hatten sie das Klettern in den schützenden Felsen verlernt. Die Wölfe mussten die Gämsen und Steinböcke nur noch in die steilen Felsen jagen und warten bis die ein oder andere abstützte.
Spätestens wenn in den Städten die Lichter ausgehen, wenn aus dem Asphalt der Autobahnen Blumen brechen, wenn die Fliessbänder der Pestizidfabriken stillstehen, wird es uns Menschen wie den Gämsen und Steinböcken ergehen. Nicht aber wegen der Wölfe, sondern weil wir verlernt haben, uns nur mit Hilfe der Natur selbst zu ernähren.




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