Mythopia Blog




12. Oktober 2008

Mozart für Reben

von Hans-Peter Schmidt Hans-Peter Schmidt

Wenn wilder Oregano und Thymian in voller Blüte zwischen den Rebzeilen leuchten, ist für den Winzer die Zeit gekommen, wo er für seine Reben nicht mehr allzu viel tun kann, außer den Trauben bei der Reifung zuzusehen. Es sei denn, er stelle Lautsprecher auf und spiele den Reben aller Stunden Mozarts Violinenkonzerte, denn was im australischen Gewächshaus bei Tomaten zu größeren und kulinarisch höherwertigen Früchten führte, dürfte auch bei Reben ähnlich erfolgreich sein. Allerdings glauben wir, dass bei diesem berühmten wissenschaftlichen Versuch mit klassischer Musik wie so oft die falsche Schlussfolgerung aus einer richtigen Beobachtung gezogen wurde. Denn das Entscheidende ist nicht etwa, dass klassische Musik wachstumsfördernd auf Tomaten oder Reben wirkt, sondern dass die Ausschaffung aller natürlichen Geräusche vom Gesumm der Bienen und Geschwirr der Insekten bis zum Zirpen der Grillen und dem Zwitschern der Vögel auch für die Tomaten und Reben bedeutet, dass in ihrem Lebensraum das natürliche Gleichgewicht gestört ist und sie an der freien Entfaltung ihrer biologischen, kulinarischen und ästhetischen Möglichkeiten gehindert werden.

Die Überlegung, dass wir mit der Wiederbelebung der natürlichen Vielfalt im Umkreis der Reben quasi zum Musikdirektor im Weinberg avancieren, stand freilich keineswegs am Beginn unserer Versuche in Mythopia, denn auch wenn wir Vieles unternahmen, von dessen Nutzen wir im Voraus überzeugt waren, so war das, was wir anstießen, als wir die Monokultur aufbrachen, schon nach kurzer Zeit so komplex, dass wir unmöglich alle Folgen und Resultate hätte vorherahnen können. Und so kam es eben auch erst durch das Erlebnis der unerwartet mannigfaltigen Musik, die sich seit unseren Maßnahmen zur Biodiversifizierung im Weinberg jeden Tag neu, jeden Tag auf andere Weise zur Aufführung bringt, dass wir in einem schönen Gesprächen am Gipfeltisch auf jenen Gedanken zum Mozartexperiment im klinisch toten Gewächshaus stießen.
Lediglich drei Jahre ist es her, dass wir begonnen haben, in den Rebzwischenräumen Blumen, Gräser, Aroma- und Heilkräuter wachsen zu lassen, Büsche und Bäume zu pflanzen, die biologische Aktivität der Böden zu regenerieren, auf denn Einsatz von Schwefel und anderen massiven Rebschutzmitteln zu verzichten, und es ist überwältigend, was an Schmetterlingen, Käfern, Hummeln, Heuschrecken, Insekten, Fröschen und Vögeln ihr tägliches Konzert anstimmen. Längst ist der Weinberg nicht mehr so still, dass nur noch die Maschinen der Totengräber zu hören wären.
Insofern wir die klassische Musik freilich trotzdem lieben und sie den Reben am Ende vielleicht doch das größere Glück als die bloß akustischen Schwingungen der zurückgekehrten Fauna vorgaukelt, laden wir Sie für den Abend des 13. September zu einem Violinenkonzert mit Stücken von Paganini, Mozart und Hindemith nach Mythopia ein.

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